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Käfer-Kult. Ein Automobil und sein Mehrwert

Stellen Sie sich vor: Die Produktion eines Automobiltyps wird in Deutschland 1978 eingestellt, und seit 1985 bietet der europäische Markt dieses Modell nicht mehr an. Ein paar Jahre noch mag man solch ein Auto auf den Straßen sehen, bis es endgültig verschwunden ist und durch neuere, modernere Wagen ersetzt wird.

Ein völlig normaler Prozess in der automobilen Evolutionsgeschichte, möchte man meinen. Jedoch gibt es Autos, die sich diesem Marktgesetz entziehen, die sich weigern zu verschwin­den, die sich davor sträuben, in der Schrottpresse getilgt zu werden. Eines davon ist der VW-Käfer.

Was ist es, was ein todgeweihtes Objekt am Leben erhält? Nüchtern betrachtet ist auch der Käfer nur ein Gegenstand aus Blech, Glas und Kunststoff, genutzt zum Zweck der menschlichen Mobilität. Doch geht von diesem Auto eine Kraft aus, die seinen praktischen Nutzen übersteigt und dazu führt, dass seine Besitzer ihrem Käfer durch Sorge, Liebe und Treue eine ungewöhnliche Lebensdauer bescheren. Immer wieder muss man religiöse Vokabeln bemühen, um die besondere Kraft dieses Dings zu beschreiben: Magie, Mythos, Faszination, kurz: Käfer-Kult.

Ein magisches Objekt

Vom Kult zur Kultur: So lautet eine Formel für den menschlichen Prozess der Zivilisation. Während frühe Religionen Dingen übersinnliche Kraft zusprechen und Steine, Bäume, Berge oder Sterne als ihre Götter im Kult verehren und anbeten, hat Kultur diese Bedeutung der Dinge als falsches Bewusstsein entlarvt. Ihr gilt Göttliches allein als geistige Angelegenheit jenseits aller Dinglichkeit. Ein Ding wie der Käfer scheint diesen Zivilisationsprozess umzukehren. Was um dieses Auto herum geschieht, legt die Formel nahe: Von der Kultur zum Kult! Wem das zu weit geht, sollte einmal eines der zahlreichen Käfer-Treffen besuchen und die Verhaltensweisen der Menschen dort studieren. Er wird zu dem Ergebnis kommen, dass der cultus, die Verehrung einer Gottheit, die Angelegenheit auf den Punkt bringt. Die Besucher sind fasziniert, angezogen von etwas Besonderem, das den Alltag übersteigt, sie sind entzückt und bezaubert. Ihr Verhalten erinnert stark an kultische Handlungen für eine Gottheit: In gebührendem Abstand und gebeugter Körperhaltung umkreisen staunende Blicke das Objekt des Begehrens, das ein irgendwie anderes, erfülltes Leben zu versprechen scheint. Nur selten gewährt das Glück einer Berührung unverhoffte körperliche Nähe, um an der Kraft des Besonderen teilzuhaben.  

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 Doch auch die Besitzer der Fahrzeuge selbst sind behext von der Magie dieses Wunderbaren. Mit Liebe und Hingabe pflegen sie ihr Auto, detailversessen verleihen sie ihrem Käfer einen individuellen Charme. Ja, über Vernunft und Moral hinaus geht das Bestreben, einen perfek­ten Originalzustand zu erzielen, jede Leiste, jede Klemme, jeden Simmering haben zu wollen, die an der Perfektion noch fehlen.

 

Drei Gründe für den Käfer-Kult

Viele haben sich schon Gedanken gemacht, wieso gerade vom VW-Käfer eine solche Faszination ausgeht und nicht etwa vom Opel Kadett. Drei Antworten seien genannt, die wohl alle richtig sind, aber dennoch eine endgültige Klärung nicht erreichen können. Letztlich bleibt die Käfer-Magie unsagbar.

Den Charme des Käfers macht zum einen aus, dass er als urdeutsch geltende Tugenden erfüllt. Er ist praktisch, funktional, hat nichts Überflüssiges, ist vor allem absolut verlässlich bei niedrigem Preis. Der Käfer trifft die Lebenshaltung des kleinen Mannes. Er ist ehrlich, einfach und authentisch. Etwas Perfektes wird bloß bewundert, geliebt jedoch wird etwas nicht trotz, sondern wegen seiner kleinen Fehler und Mängel. Und so wirkt der Spruch des ehemaligen VW-Chefs Nordhoff, der Käfer habe mehr Fehler als ein Hund Flöhe, nicht etwa verkaufsschädigend. Im Gegenteil, gerade deshalb adelt sich der Käfer zum Objekt der Liebe, wie ein geliebtes Haustier. In der Automobilgeschichte hat der Käfer revolutionäres Potential. Durch ihn verlor das Auto seinen Status, Reichtum und Macht, die gesellschaftliche Ober­schicht zu repräsentieren. Der Käfer demokratisierte das Autofahren, jede Fahrt war ein Protest gegen die Welt der Reichen und Erfolgreichen. Wer heute einen Käfer fährt, bewegt sich gleichfalls immer neben dem Mainstream. Leise, aber deutlich im unverkennbaren Sound seines Boxer-Motors, erhebt der Käfer Einspruch gegen eine Ex-und-hopp-Haltung, gegen technokratischen Schnickschnack, gegen Fortschrittswahn und gegen die Langeweile der Einheitskarossen.

Zum Zweiten ist der Käfer bis unters Dach vollgestopft mit Erinnerungen, ein rollendes kol­lektives Gedächtnis. Jeder Käferfahrer in unserer Zeit weiß davon zu berichten. Er muss auf seiner Fahrt viel Zeit mitnehmen, weniger für die langsame Autofahrt selbst als vielmehr für den Moment, wenn er anhält. Sofort wird er von Passanten angesprochen, die ihre Sätze fast immer gleich beginnen: ?Mein Vater fuhr auch so einen Käfer, meine Kindheit habe ich darin verbracht ...? Der Käfer ist dann häufig Auslöser für einen ganzen Schwall von alten Ge­schichten, er öffnet eine Tür zu verschütteten und längst vergessen geglaubten Erinne­rungs­fetzen, meist aus der Kindheit. Erstaunlich detailliert weiß man plötzlich noch jede kleine individuelle Macke seines Käfers. Mit einem Schlag ist man zurückversetzt in die Zeit der 50er und 60er Jahre, in der es immer nur aufwärts ging und die das große Glück verhieß. Ge­duldig muss sich der Käferfahrer heute Lebensgeschichten anhören, die davon erzählen, wie spannend und abenteuerlich eine Käferfahrt doch war, immer ein ganz großer Aufbruch. Auf den Punkt bringt es der ehemalige Bundesfinanzminister Hans Eichel (!), der als erstes Auto einen Käfer fuhr: ?Die Liebe zum Auto hat oft als Liebe im Auto begonnen, so auch bei mir.?

Die dritte Antwort ist vermutlich die entscheidende. Einfache, praktikable Autos gab es auch andere, Kindheitserinnerungen sind auch deshalb so häufig an den Käfer geknüpft, weil es eben das meistgefahrene Fahrzeug in Deutschland war. Einzigartigkeit verleiht dem Käfer jedoch seine Form. Schon ein kleines Detail reicht aus, um das ganze Muster sofort zu erkennen. Die Gestalt dieses Autos ist unübertrefflich. Sie ist einprägsam, logisch, zeigt eine beiläufige, harmlose Eleganz, die sich allen Modewellen entzieht. Seine Form ist elementar. Das Runde, Eiförmige nähert sich natürlicher Perfektion. Der gedrungene, kapselartige Innen­raum vermittelt Gefühle ursprünglicher Geborgenheit ? kein Wunder, dass man sich hier als behütetes Kind wiederfindet, meist noch im kleinen Kofferraum hinter der Sitzbank. Trotz seines Artikels ist der Käfer eindeutig weiblichen Geschlechts, entweder behütende Mutter mit ihren wohlgeformten Rundungen oder zartes Mädchen, das selbst schützende Sorge benötigt.

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ES lebt!

Nehmen Sie einmal ein Familienfotoalbum zur Hand und blättern Sie sich durch die 60er und 70er Jahre. Es gibt vermutlich kein Album, in dem es auf Fotos aus dieser Zeit nicht irgendwo Volkswagen zu entdecken gibt. Hat es irgendein anderer Gebrauchsgegenstand des Alltags geschafft, so präsent in der Geschichte einer jeden Familie zu sein? Wohl kaum. Es ist natürlich klar. 22 Millionen produzierte VW-Käfer kann man nicht verstecken. Allein durch ihre Menge hinterlassen sie unwillkürlich Spuren auf den Fotodokumenten. Aber da ist noch etwas anderes als die bloße Masse. Aus der Distanz betrachtet erzählen Familienfotos davon, dass Käfer nicht nur unvermeidliche Kulisse des öffentlichen und privaten Lebens bilden, sondern dass sie ihr Dasein als Gebrauchsgegenstand verließen, um Familienmitglied zu werden.

Die Frage, was an einem Käfer mehr ist als ein bloßes Ding zum Gebrauch oder Verbrauch, kann man beantworten, indem man ihn als ein magisches Objekt oder als Kunstwerk sieht. Man kann aber auch schlichtweg antworten, dass dieses Ding gar kein Ding ist, sondern lebt. Der Käfer ist ein Haustier oder sogar ein Kind, es ist eigensinnig, es braucht Zuneigung, Sorge, Erziehung, kurz: der Käfer ist Person.

Eine Person hat einen Namen. Aber im Gegensatz zu anderen Autos, die ihre versuchte Anlehnung an das Tierreich im Namen führen und sich Jaguar, Mustang, Spider, Scorpio oder Viper nennen oder sich mit Tieremblemen wie Löwe (Peugeot), Pferd (Ferrari), Vogel (Skoda) oder Schlange (Alfa Romeo) schmücken, war der ?Käfer? nie offizielle Bezeichnung des ?Volkswagens?. Erst in den späten 60ern, als VW auch andere Typen anbot, übernahm man in Deutschland langsam den US-Import ?Käfer?. Denn dort etablierte sich der Begriff ?beetle? schon vor seiner Produktion, nachdem sich die New York Times im Juli 1938 bei der Vorstellung dieses Autos an einen Käfer erinnert fühlte.


Zu sich selbst findet der Käfer als Herbie. Walt Disneys Prinzip, alles zu beseelen und vor allem Tieren zu unterstellen, sie seien auch nur Menschen, überträgt ein Kinofilm meisterhaft und überaus erfolgreich, mit mehreren Fortsetzungen bis 2005, auf ein Auto ? natürlich auf den Käfer. So bekommt ein geformtes technisches Gerät den Odem des Lebens eingehaucht. Herbie lebt, er liebt und leidet, ist Freund und Helfer, hat Getriebe und Gefühle, Herbie hat nur einen Feind: seinen Durst.

 

 

 

 Ein Auto lebt. Es ist ein Käfer. Er heißt Herbie, ist ein netter Kerl. Man kann viel Spaß mit ihm haben, man schließt gerne Freundschaft mit ihm. Vertrauen und Verlässlichkeit, die Tugenden einer Freundschaft, haben sich ?Herbys Freunde? auf ihre Vereinsfahnen geschrieben. Freundschaft funktioniert in einer gesunden Gegenseitigkeit. Herbie gibt uns Spaß, Freude, ein Lebensglück, das anders nicht zu haben ist. Wir geben Herbie unsere Liebe und Zuwendung. Wir pflegen im Gegenzug Kult und Kultur dieses besonderen Vehikels. Wir erhalten nicht nur das Gedächtnis an eine kulturelle, ästhetische und technische Meister­leistung, wir kümmern uns vor allem darum, dass er auch weiterhin läuft und läuft und läuft ...

Jeder ist einladen, auch ein Freund zu werden.

 

 

 

Jahreshauptversammlung am 11.1.2019